Demenz und Wohnen: Stabilität im Wohn- und Lebensumfeld von Menschen mit Demenz
Ein demenzsensibles Wohn- und Lebensumfeld kann wesentlich dazu beitragen, Orientierung, Sicherheit, Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Demenz zu unterstützen. Dabei sind unterschiedliche Akteur*innen gefragt, von der Wohn-, Demenz- und Pflegeberatung über Kommunen und Wohnungswirtschaft bis hin zu pflegenden Angehörigen und weiteren Unterstützungsstrukturen.
Im zweiten Beitrag unserer diesjährigen Blogreihe zum Thema Krisenresilienz richten wir den Blick auf die Wohn- und Lebenswelt von Menschen mit Demenz. Anhand eines Fallbeispiels wird aufgezeigt, welche Bedeutung Vertrautheit, Orientierung und unterstützende Strukturen für den Alltag und den Umgang mit Veränderungen und Krisen haben können.
Ein Blick in die Praxis: Die Situation von Herrn M.
Herr M. ist 72 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren in seiner Wohnung im Westlichen Ruhrgebiet. Die Räume sind ihm vertraut, ebenso die Wege zum Supermarkt und zur nahegelegenen Bushaltestelle. Seit einiger Zeit fällt seiner Tochter jedoch auf, dass sich etwas verändert hat: Herr M. sucht häufiger nach Dingen, vergisst Termine und findet sich in gewohnten Abläufen nicht mehr immer zurecht. Vor kurzem wurde in einer spezialisierten Gedächtnisambulanz eine Alzheimer-Demenz diagnostiziert.
Für Herrn M. und seine Tochter beginnt damit eine neue Phase, in der sich viele Fragen stellen: Was braucht Herr M., damit er möglichst selbstständig in seiner Wohnung bleiben kann? Welche Veränderungen in der Wohnung sind sinnvoll? Und wie lässt sich Sicherheit schaffen, ohne ihm seine vertraute Umgebung und damit ein Stück Selbstbestimmung zu nehmen?
Die vertraute Umgebung als Ressource
Die eigene Häuslichkeit ist für Menschen mit Demenz weit mehr als ein Ort zum Wohnen. Vertraute Räume, Gegenstände und Abläufe können Orientierung und Sicherheit geben und dabei unterstützen, alltägliche Tätigkeiten weiterhin selbstständig auszuführen.
Mit fortschreitender Demenz kann sich jedoch die Wahrnehmung und Nutzung der vertrauten Umgebung verändern. Räume und Gegenstände werden möglicherweise schwerer zugeordnet, gewohnte Tätigkeiten komplizierter und bislang selbstverständliche Wege können Unsicherheit auslösen. Auch bauliche Gegebenheiten wie schlechte Beleuchtung, unübersichtliche Bereiche oder schwer erkennbare Türen können diese Schwierigkeiten verstärken. Was bisher selbstverständlich funktioniert hat, kann dadurch zu einer Herausforderung werden.
Gleichzeitig können weitere Veränderungen und Krisen die Stabilität im Alltag beeinflussen, etwa durch den Ausfall einer unterstützenden Person oder ein veränderter Hilfe- und Pflegebedarf. Das Wohn- und Lebensumfeld muss daher immer wieder an die individuelle Situation angepasst werden.
Bereits im vergangenen Blogbeitrag mit dem Titel „Krisenresilienz älterer Menschen: Zwischen Vulnerabilität und Ressourcen“ haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie ältere Menschen Krisen bewältigen können und welche persönlichen und sozialen Ressourcen dabei eine Rolle spielen. Daran knüpft dieser Beitrag an: Gerade bei einer Demenz sind Vertrautheit, soziale Beziehungen und verlässliche Unterstützungsstrukturen wichtige Ressourcen sein.
Vertrautes erhalten, Veränderungen individuell gestalten
Eine demenzsensible Wohn- und Lebenswelt umfasst nicht nur die eigene Wohnung, sondern auch das direkte Wohnumfeld und das Quartier. Bereits kleine Anpassungen in der Wohnung können hilfreich sein, etwa eine gute Beleuchtung, klare Kontraste, übersichtliche Strukturen oder Orientierungshilfen. Gleichzeitig endet das Wohnumfeld nicht an der Wohnungstür: Auch Nachbarschaft, vertraute Anlaufstellen, Begegnungsorte und erreichbare Unterstützungsangebote können Kontinuität und Sicherheit im Alltag fördern.
Dabei bedeutet demenzsensible Gestaltung nicht, möglichst viel zu verändern. Ebenso wichtig ist es, Vertrautes zu erhalten. Gewohnte Gegenstände, Wege und Abläufe geben Sicherheit und Orientierung. Veränderungen sollten deshalb an der individuellen Lebenssituation ausgerichtet und gemeinsam mit der betroffenen Person sowie ihrem Umfeld betrachtet werden.
Demenzsensibilität reicht jedoch über räumliche Anpassungen hinaus. Auch verständliche Informationen, gut erreichbare Anlaufstellen und vertraute Begegnungsorte können den Alltag erleichtern. Ebenso wichtig sind Menschen im Umfeld, die über Demenz informiert sind und aufmerksam reagieren. So kann das Wohn- und Lebensumfeld selbst zu einer wichtigen Ressource werden.
Vertraute Strukturen können in Krisen Stabilität geben
Ein demenzsensibles Wohn- und Lebensumfeld kann gerade in Krisensituationen eine wichtige stabilisierende Ressource sein. Hier zeigt sich zugleich die Verbindung zum diesjährigen Jahresthema „Krisenresilienz“ der Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz NRW. Bei Menschen mit Demenz geht es nicht darum, Krisen allein aus eigener Kraft bewältigen zu müssen. Vielmehr können vertraute Strukturen, soziale Beziehungen und erreichbare Hilfen dazu beitragen, Belastungen abzufedern und Handlungsfähigkeit möglichst zu erhalten. Fällt beispielsweise eine unterstützende Person aus oder verändert sich der Hilfe- und Pflegebedarf, ist entscheidend, ob passende Unterstützung zugänglich ist und bestehende Netzwerke tragen.
Gut vernetzt: Beratung und Unterstützung im Westlichen Ruhrgebiet
Im Westlichen Ruhrgebiet mit den Städten Bottrop, Duisburg, Essen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen gibt es verschiedene Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen.
Eine Übersicht über regionale Wohn- und Demenzberatungsstellen sowie weitere Anlaufstellen haben wir in unserer Broschüre „Demenz- und Wohnen – Anlaufstellen im Westlichen Ruhrgebiet. Beratung und Unterstützung für Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen“ zusammengestellt.
Die Beratungsstellen unterstützen unter anderem dabei, die aktuelle Wohnsituation zu betrachten, Möglichkeiten der Wohnraumanpassung aufzuzeigen und passende Hilfen zu finden.
Wohnsituation prüfen und Alternativen mitdenken
Neben der Unterstützung in der eigenen Häuslichkeit kann es sinnvoll sein, frühzeitig auch alternative Wohn- und Unterstützungsformen für Menschen mit Demenz mitzudenken, wenn das Wohnen in der eigenen Häuslichkeit zunehmend an Grenzen stößt. Dazu gehören beispielsweise Betreutes Wohnen, ambulant betreute „Demenz-WGs“ oder neuere spezialisierte Wohn- und Betreuungskonzepte wie Demenzbauernhöfe. Welche Wohnform geeignet ist, hängt dabei unter anderem von der Art und dem Verlauf der Demenz, dem individuellen Unterstützungs- und Pflegebedarf sowie den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen der betroffenen Person ab.
Weitere Informations- und Suchangebote
Einen Überblick über Beratungs- und Unterstützungsangebote bieten zudem landesweite Informations- und Suchportale. Die Landeskoordination Wohnberatung NRW informiert über Wohnberatung und örtliche Wohnberatungsstellen. Auf der Seite Nachbarschaftshilfe NRW finden sich Informationen und Materialien rund um die Nachbarschaftshilfe. Über den Angebotsfinder NRW können anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag gemäß §45a SGB XI in direkter Nähe gesucht werden. Der Pflegewegweiser NRW ermöglicht unter anderem die Suche nach Senioren- und Pflegeberatungen, Pflegekursen und Selbsthilfeangeboten. Darüber hinaus stellen die Kommunen im Westlichen Ruhrgebiet über ihre Internetseiten und örtlichen Beratungsstrukturen weitere Informationen zu Unterstützungsangeboten vor Ort zur Verfügung.
Zurück zu Herrn M.
Für den 72-jährigen Herrn M. bedeutet eine demenzsensible Wohn- und Lebenswelt daher nicht, seine vertraute Umgebung möglichst umfassend zu verändern. Vielmehr geht es darum, gemeinsam zu betrachten, was ihm Orientierung und Sicherheit gibt, wo konkrete Risiken bestehen und welche Unterstützung zu seiner individuellen Situation passt. So können vertraute Strukturen erhalten, notwendige Veränderungen behutsam gestaltet und passende Hilfen frühzeitig einbezogen werden. Die Wohn- und Lebenswelt kann damit auch für Herrn M. zu einer wichtigen Ressource im Umgang mit Veränderungen und Krisen werden.
Weiterführende Informationen und Quellen
Themenpapier Leben mit Demenz – Wohnen heute und morgen, 2022 aus der Nationalen Demenzstrategie
Impulse für einen konstruktiven Blick auf Demenz im Wohnprojekt, 2026
Beitrag: Quartiere für Menschen mit Demenz gestalten, 2025 der Nationalen Demenzstrategie